Medizin und Wahnsinn bei Cthulhu

Das, was wir als vielleicht erstes Krankenhaus bezeichnen würden, war ein griechischer Tempel, gut ein halbes Jahrtausend vor der christlichen Zeitrechnung. Dieser Tempel war dem Gott Asklepios gewidmet, ein heilender Gott, der nach griechischer Mythologie den Chtonischen Göttern angehört. Das Heilverfahren oder der Asklepios-Kult wird dergestalt beschrieben, dass sich die Kranken außerhalb der Städte in einem Tempel zur Nachtruhe begeben. Es wird strengstens auf Ruhe geachtet und während des Schlafes werden dem Leidenden im Traum von Asklepios selbst Diäten und Kuren auferlegt, die die Krankheit lindern. Verwandt ist der Kult um Asklepios wahrscheinlich mit dem Imhotep-Kult.

Imhotep war ein Gelehrter des 3. vorchristlichen Jahrtausends in Ägypten. Als Universalgelehrter wird ihm auch eine besondere Kenntnis der Heilkunde zugeschrieben. In der griechisch-römischen Welt verschmolzen Imhotep und Asklepios teilweise zu einer mythischen Figur.

Hyppokrates: Beginn der Medizin als Wissenschaft

Der Übergang von einem übernatürlichen, göttlich-magischen Krankheitenkonzept hin zu einem rationalen Medizinbegriff ist mit dem Namen eines Mannes verbunden: Hippokrates von Kos. Er legt die Beobachtung des Körpers ins Zentrum seiner ärztlichen Diagnostik. Hippokrates sieht sich als Nachfahre von Asklepios.

Der Asklepios-Kult erzielte tatsächlich eine Wirkung. Vergleichen kann man es einerseits mit einer Kur und dem damit verbundenem Herausholen aus dem Alltag, zum Anderen ist der sogenannte Heilschlaf ein bekanntes Mittel gegen diverse Erkrankungen und Verletzungen. Inwieweit die Priesterschaft aktiven Einfluss auf Träume und Behandlung genommen hatte, darüber kann man allenfalls spekulieren. Einige Berichte der Patienten sind aber äußerst plastisch und könnten ein Hinweis auf Manipulation sein. Ähnlich wie beim Orakel von Delphi könnten auch hier durch Gase Halluzinationen hervorgerufen worden sein.

Spannend ist dabei ein Kult von Traumheilern, diese lässt sich gerade bei lovecraftschen Abenteuern sehr leicht einbauen. Grundsätzlich hätte dieser Kult keine bösen Absichten, einzelne Mitglieder könnten aber abweichende Meinungen von nicht zu überschreitenden Grenzen haben.Asklepios selbst wurde von Zeus getötet, weil dieser seine Heilkunst verwendete, um einen Toten zurück ins Leben zu holen.

 

Medizin im Mittelalter

Die Medizin im europäischen Mittelalter ist weitgehend uninspiriert. Das Wissen aus der Antike wird kaum angewendet und der Klerus nimmt sich der Kranken an. Das hat zur Folge, dass Krankheiten vermehrt als Strafe Gottes für ein unredliches Leben angesehen werden. In der islamischen Welt, aber auch im orthodoxen oströmischen Reich wird auf den Erkenntnissen der Griechen aufgebaut.

Die Neue Welt

Mit der Entdeckung und Kolonisierung der Neuen Welt werden insbesondere Sklaven aus Westafrika auf die Westindischen Inseln und den französischen Gebieten des neuen Kontinents deportiert. Diese bringen ihre eigene Religion mit, den Voodoo. Durch das Vermischen von Glaubenseinflüssen und der Suche nach einer eigenen religiösen Heimat, entwickeln sich Richtungen des Glaubens, die sich von ihren afrikanischen Ursprung entfernt haben. Insbesondere der Kult um die Voodoo-Puppe ist ursprünglich von Priestern auf Haiti angewendet worden. Hierbei geht es nicht um einen Schadzauber, zumindest nicht primär, sondern um einen Analogiezauber, der Kranken helfen soll.

Die Puppe ist hierbei der stellvertretende Körper. Die Krankheit oder Verletzung wird eingegrenzt und mit einem Ritual geheilt. Ähnlichkeiten mit dem europäisch mittelalterlichen Atzmann führen wohl dazu, dass man die Puppenzauber grundsätzlich als böse abtut.

Auch der Voodoo geht davon aus, dass gesundheitliche Leiden durch eine höhere Macht verursacht werden. Der Unterschied liegt allerdings darin, dass Leiden nicht göttlichen sondern dämonischen oder geisterhaften Ursprungs sind.

Die Anhänger des Voodoo glauben auch an den einen, guten Gott, allerdings ist dieser zu mächtig, um direkt angerufen zu werden. Wie im Katholizismus ist daher eine Priesterschaft von Nöten, darüber hinaus ist der Ahnenkult und der Glaube an Geister und Dämonen obligatorisch, diese befinden sich überall und helfen und schaden den Menschen. Heilung wird daher durch Anrufung von verstorbenen Verwandten oder Geistwesen oder das Vertreiben von Dämonen erreicht. Mitunter sind Rituale mit Tieropfern nötig. Hierbei wird das Leben des Tieres dem Geist oder dem Ahnen dargereicht, das Fleisch des Tieres wird hingegen von dem Leidenden oder den Teilnehmern des Rituals verspeist. Strenggenommen sind es daher ritualisierte Schlachtungen, wie sie in vielen Religionen vorkommen. Menschen werden nicht als Opfer dargebracht, derartige Fälle sind keine dem Voodoo zuzurechnenden Rituale.

Gerade in Afrika lebt die alte Medizin fort, aber auch in Haiti und Teilen Süd- und Mittelamerikas werden Naturmedizin und Geistheilung in Verbindung mit Zeremonien und berauschenden Substanzen mehr oder minder erfolgreich angewendet. Schulmedizinisch kann man von Scharlatanerie bis hin zu überprüfbaren Ergebnissen sprechen, wie die Wirkung einiger Urwaldpflanzen bei Rheuma oder zum desinfizieren von Wunden.

Marie Laveau gilt als bedeutendste Voodoo-Priesterin und einflussreichste Person New Orleans gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Nach ihrem Tod 1881 führt ihre älteste Töchter die auch Marie Laveau heißt, die Praktiken ihrer Mutter fort. Marie Laveau d.J. verschwindet aber alsbald ohne Spur.In Der Ruf des Cthulhu beschreibt Lovecraft, wie bei einer Razzia einer angeblichen Voodoo-Zeremonie geschnitzte Figuren gefunden werden, die wohl Abbildungen des Cthulhu sind. Wenn diese Sumpfpriester Louisianas nun Voodoo auf ekelerregende Art korrumpiert hätten?

Ein Punkt den man weder in Europa noch in der Neuen Welt als Krankheit angesehen hat, sind die Geisteskrankheiten oder der Irrsinn. Sofern im Mittelalter jemand geistig nicht auf der Höhe ist, wird er allenfalls verspottet, konnte aber in der meist dörflichen Gemeinschaft überleben. Erst bei aggressiven Störungen wird derjenige aus einem Schutzbedürfnis heraus ausgeschlossen und verbannt.

Nervenleiden und Wahnsinn

Leiden wie die Fallsucht, Heilige Krankheit oder einfach Epilepsie genannt, gelten als Zeichen einer Besessenheit. Wahnvorstellungen, Persönlichkeitsstörungen bis zu extremen Psychosen werden mit einem Exorzismus behandelt. Dabei ist zu bedenken, dass eine Psychose auch durch religiöse Hingabe verursacht werden kann. Im Mittelalter war die Existenz von Dämonen, Geistern, dem Teufel und Gott keine Frage des Glaubens, sondern ein Fakt. Das Hineinsteigern in diese Welt, gefördert durch die Bestätigung der Gesellschaft, kann zu einer Wahnvorstellung oder Besessenheit führen, die nicht in erster Linie psychiatrisch geheilt oder gelindert werden kann, sondern nur auf dem Wege, wie die religiösen Praktik es vorsieht.

Exorzismen sind in der Kirchengeschichte eher die Regel als die Ausnahme, doch in wieweit ein helfender Ansatz dahintersteckt, ist nach den vielen Horrorfilmen der Gegenwart unbekannt. Die Austreibung soll dem Opfer helfen, dies ist immer das Ziel gewesen. Das dieses Ziel nicht immer erreicht werden konnte (Zahlen von fehlgeschlagenen Exorzismen des Mittelalters und der Gegenwart liegen mir leider nicht vor) dürfte klar sein, die medizinische Disziplin und das Wissen über Körper und Geist, waren wohl im Allgemeinen selten in der Menschheitsgeschichte so gering wie während des Mittelalters in Europa, weswegen generell wenig Hilfe bei Krankheiten erwartet werden konnte. Ein Fall, der traurige Berühmtheit erlangt hat, ist der Tod der Anneliese Michel 1976. Hier ist zwar nicht der Exorzismus todesursächlich gewesen, allerdings sind wegen der unterbliebenen ärztlichen Versorgung während des Rituals die Priester und die Eltern verurteilt worden.

Trance und Bessesenheitszustände sind klinisch dokumentiert und weisen ein eigenes Krankheitsbild auf. Dabei dürfen aber andere Störungen wie Schizophrenie, Wahn oder seelische Veränderungen, wie Depression als Folge geistiger oder körperlicher Traumata oder Erkrankungen, nicht diagnostiziert werden, sie gelten in jedem Fall als Ausschlusskriterium. Dies mag daran liegen, um eine vorrangige ärztliche Versorgung sicherzustellen. Im Fall der Anneliese Michel ist es sicher, dass sie unter Epilepsie gelitten hat. Eine Austreibung hat und hätte nie geholfen, ob noch andere Geisteskrankheiten vorgelegen haben, konnte nie diagnostiziert werden.

Anhänger eines Kultes, wie Lovecraft ihn beschreibt, sind also Wahnsinnig oder fest von ihrem Glauben überzeugt. Spannend ist hier eine Mischung, einige sind religiöse Eiferer während andere dem Irrsinn verfallen sind. Denn Wahnhafte, Psychopathen oder Schizophrene sind kaum in der Lage nachhaltige Strukturen zu schaffen, um eine Organisation wie einen Kult aufzubauen, zu erhalten oder auszubauen. Hierfür sind Zeloten notwendig. Darüber hinaus ist es fraglich, ob die Mitglieder grundsätzlich therapierbar sind.

 

Der Anfang der Modernen Medizin

Anfang des 20. Jahrhunderts beginnt eine neue Ära. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Epilepsie näher untersucht und als richtige Krankheit erkannt. 1908 etabliert sich der Begriff Schizophrenie und nach dem 1. Weltkrieg führt das Kriegszittern oder die Kriegsneurose dazu, dass auch der Staat ein Interesse an Diagnostik und Behandlung psychischer und neurologischer Krankheiten hat. Durch den Arzt Sigmund Freund bekommt auch die Psychiatrie neue Impulse. Kranke und Krankheiten werden jetzt in einem psychosozialem Umfeld gesehen. Nach wie vor gibt es aber immer noch einen alten Ansatz der Therapie, der aus heißen Bädern, Schmerzerfahrungen und untertauchen in Wasser besteht. Später erweitert sich das Repertoire auf Elektroschocktherapie und operative Eingriffe am Hirn.
Eine Neuerung ist die medikamentöse Behandlung. Nicht zuletzt durch Entwicklung pharmazeutischer Produkte und die Synthetisierung in der Natur vorkommender Wirkstoffe wie Barbiturate, Heroin sowie Koffein und eine institutionelle Behandlung in Kliniken sind grade im Deutschen Reich vorbildlich.
Der dritte Ansatz über Verhaltenstherapie, sofern man die damalige noch nicht systematisch erfasste Form dieser Therapie so bezeichnen möchte, sowie der Psychoanalyse wird äußerst skeptisch betrachtet und erfährt lediglich in Übersee einen regen Zulauf.

Euthanasie

Die neuen Ansätze enden abrupt wie menschenverachtend. Nicht nur die Bücher Freuds werden verbrannt, jeglicher Ansatz einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Geisteskrankheiten wird von den Nationalsozialisten unterbunden. Im Rahmen der Vernichtung unwerten Lebens werden an die 100.000 Menschen ermordet.

Tendenzen die in Richtung Euthanasie gehen, gibt es schon vor dem Ende des 19. Jahrhunderts. Aber erst um diese Zeit änderte sich der Ansatz. Es handelte sich hierbei um theoretische Überlegungen, die mit der Sterbehilfe leidender und unheilbar Kranker nichts mehr zu tun hat, sondern die Volks- oder Rassenhygiene sowie den Geist des Sozialdarwinismus verinnerlicht.
Die Eugenik ist eine weitverbreitete Theorie in den Industriestaaten der damaligen Zeit. Spieltechnisch explizit darauf einzugehen, halte ich aber für sehr komplex und schwierig, weil sie einerseits als Schlagwort für sozialen Fortgang in den Anfängen des Jahrhunderts dient, andererseits dem Spieler die Konsequenzen einer entsprechenden Praxis bekannt sind.

Die Medizingeschichte für das Atomzeitalter oder die Gegenwart finde ich weniger spannend, weswegen ich sie hier nicht weiterführe. Insbesondere der Geist der 20er mit seinem Glauben an Fortschritt und einem allgegenwärtigen Kriegstrauma lassen Charaktere leicht anfällig für Tabletten- und Alkoholmissbrauch werden, zumindest ist Sucht und Abhängigkeit gerade bei Städtern ein Thema, wenn dieses auch gemeinhin nicht als Problem angesehen wird.

Links

Medizingeschichte auf Wikipedia
Medizin im Mittelalter via Planet Wissen
Sehr guter Artikel über Schizophrenie bei Wikipedia

2 Kommentare

    1. Freut mich sehr, mir kamen auch noch viele andere Ideen beim Schreiben, vielleicht folgt noch ein weiterer Artikel über Medizin in Asien und bei den Ureinwohnern Amerikas.

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