Pathfinder – Reboot?!

Holger von den Teilzeithelden hat einen schönen Beitrag über den Status quo von Pathfinder geschrieben. Vielen Dingen die er benannt hat, stimme ich zu, dennoch komme ich nicht zu dem Schluss, dass es Zeit für einen Neustart ist. Doch gehen wir einmal die Punkte durch, die an Pathfinder vielleicht einer Überarbeitung bedürfen.

Der Umfang

Pathfinder ist alleine von der Anzahl der auf deutsch erschienenen Bücher ein Gestrüpp in dem man leicht ins Straucheln gerät. Würden die Übersetzer zeitnah alles ins Deutsche übertragen, wäre es schon ein Urwald. Das Problem ist dabei aber nicht, die schiere Anzahl der Publikationen, sondern die Gliederung. Jedes Buch, jedes noch so schmale Heft beinhaltet neue Klassen, Talente, Zauber oder Wesenszüge oder andere Dinge. Aus den 9 Grundklassen sind, wie Holger schrieb, 36 Klassen geworden (ich hab es selbst nicht nachgezählt), die Zauber sind auf 2.500 angewachsen. Wer also alles nutzen will, muss alles gelesen haben, um einen Überblick zu bekommen. Aber machen wir uns nichts vor, viele Dinge, die geschrieben stehen, sind bloßes Füllmaterial. Alleine die Wesenszüge sind so vielseitig, dass es ein paar gibt die man eigentlich immer nimmt und andere, die man nie in Erwägung zieht. Wie dem auch sei, anstelle von Dutzend Büchern in denen immer nur ein bisschen steht, würde ich mir Bücher wünschen, in denen alles zusammengefasst wird. Nicht in Form von Ausbauregeln sondern als Kompendien, die den einzelnen Aspekten des Regelsystems Rechnung tragen. Auch wenn die PRD oder SRD gut sind, muss man wissen wonach man sucht. Zudem darf man auch nicht vergessen, dass vieles nur optionale Regeln sind. Pathfinder ist ein System, welches die Faulheit der Spielleiter und der Spieler unterstützt. An sich nicht verkehrt, nur sind bestimmte Mechaniken nichts weiter als offiziell codifizierte Hausregeln. Wesenszüge ist keine Mechanik, die ein Spielleiter nicht auch ohne Regelwerk einen Spielercharaktere auf Grund eines gutes Hintergrundes gewähren könnte. Man muss sich also überlegen, wie will ich mein Spiel gestalten, brauche ich tatsächlich alle Regelwerke oder spiele ich eine bestimmte Kampagne und sehe mich um, welche Bücher es dafür gibt. Nicht zuletzt kann man auch abseits von der schieren Anzahl der Veröffentlichung einen eigenen Kanon festlegen und sofern Regellücken auftauchen, sie selbstständig schließen.

Die Abenteuerpfade sind Quell der Sonder-, Alternativ- und Erweiterungsregeln. Die Abenteuerpfade sind gut geschrieben und liefern in ihrer Gesamtheit Spielspaß über Jahre. Jeder Kampagne sind aber neue Mechaniken vorangestellt, die das Spiel abwechslungsreicher machen sollen, die aber meist nur in dieser Kampagne Sinn ergeben oder nur dort zum Einsatz kommen. Die Sündenpunkte im Runenherrscher, der Aufbau einer Stadt in Königsmacher oder Legendenpfade in Zorn der Gerechten. Dazu gibt es dann noch die Regionalbände mit spezifischen Waffen, Wesenszüge und Zaubern. Wer also ein Abenteuerpfad spielt, braucht allenfalls noch den entsprechenden Regionalband und ist damit gut ausgerüstet. Wer auf eigene Abenteuer setzt, kann von vorherein auswählen, welche Bücher er verwenden will und bestimmte Zusatzregeln ausblenden, wie zum Beispiel den Legendenpfad und damit den Band Ausbauregeln V: Legenden. Pathfinder ist ein riesiges All you can eat Buffet, man muss sich vorher einen Überblick verschaffen, was einem schmeck, bevor man sich seinen Teller voll schaufelt.

Power Gaming

Pathfinder unterstützt das Power Gaming. Damit meine ich nicht die rollenspieltheoretische Definition, sondern, wer Spaß an dem System hat, hat Spaß daran, seinen Charakter durch Werte zu entwickeln. Zwar ist die Story auch wichtig, aber ein neuer Zaubergrad, ein zusätzlicher Angriff pro Runde oder ein neues Talent sind ebenso wichtig. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Paizo dieses Bedürfnis nach immer neuen Zutaten für sein Charaktermenü befriedigt. Aber wem nur der Schweinebraten seiner Großmutter schmeckt, muss nicht unbedingt die Lammkoteletts in Weißweinsoße probieren. Alleine die Grundklassen mit allen Talenten, Spruchlisten etc. aus dem Grundregelwerk bieten für Jahre hinaus genug Abwechslung. Und sollte man vielleicht doch Alternativen für den Schurken oder Paladin suchen, ist dies noch relativ überschaubar. Komplex sind dann die Archetypen, die aber meist unsinnig weil zu speziell sind. Was allerdings zu speziell ist, liegt natürlich im Auge des Betrachters. Ob nun ein Wasser- oder Wüstendruide sinnvoll ist, hängt maßgeblich von der Kampagne ab. Auch viele Talente und Zauber sind so spezifisch, dass sie im Abenteueralltag keine Rolle spielen. Das ist auch der Grund, warum man immer wieder auf die selben Dinge zurückgreift, weil sie sie sich eben bewährt haben. Wenn man allerdings komplett neue Sachen mit einer vielleicht für einem noch unbekannten Klasse ausprobieren möchte, bietet Pathfinder eine gute Auswahl. Aber auch hier muss man einen guten Kenntnisstand haben und wissen wonach man sucht.

Reboot?

Das System ist tatsächlich komplett, es war schon mit Grundregelwerk, Spielleiterhandbuch und Monsterhandbuch I komplett. Alles was daneben erschien und noch erscheinen wird, ist zusätzliches Material für die Unersättlichen. Abgesehen von DSA und D&D in seiner Gesamtheit ist wohl kaum ein System mit so vielen Publikationen bedacht wie Pathfinder. Grundsätzlich finde ich das gut, es empfiehlt sich aber für Neueinsteiger wie auch für alte Hasen, sich nicht von der schieren Masse erschlagen zu lassen und die Bücher auf ihre Relevanz für das eigene Spiel zu prüfen. Dies ist dann auch das Problem: Die in vielen Büchern verstreuten Informationen erschweren die Prüfung. Würde aber ein Reboot diese Problematik beheben? Nein, denn das System ist auf Wachstum ausgelegt. Zwar weiß jeder Biologe und ernst zunehmende Wirtschaftswissenschaftler, dass es kein unbegrenztes Wachstum gibt, aber ein Neustart würde nur wieder einen ähnlichen Prozess auslösen. Man würde anstelle von Pathfinder 1.0 Pathfinder 2.0 Publikationen nutzen, die von Anfang an nur umfangreicher wären, weil sie mehr Talente, Sprüche, Klassen und Völker im Grundregelbuch beinhalten würden. Der Übersichtlichkeit mag es solange dienen, bis die Ausbauregeln 2.0 herauskommen. Das es überkommene Regelmechanismen gibt, die vielleicht ersatzlos gestrichen werden könnten sei dahingestellt, solche überkommenen Regeln wird es aber auch mit einer Überarbeitung geben. Ein derartig vielseitiges System wie Pathfinder bedarf eines  Spielleiters der sich auskennt, entweder weil er alles kennt und weiß, wo er es bei Bedarf finden kann oder weil er von vornherein festlegt, welche Regeln und Regelwerke benutzt werden. Denn letztendlich muss man nicht alles nutzen, nur weil es gedruckt ist.

Und selbst wenn es die von mir gewünschten Kompendien geben würde, in denen umfassen Talente, Wesenszüge Zauber etc. aufgeführt wären, müsste man sie trotzdem alle grob kennen, um die Nützlichkeit für einen selber einschätzen zu können. Denn einen Index gibt es bereits in der SRD. Ein Neustart würde niemanden außer vielleicht dem Verlag nützen, der allerdings auch mit dem altbewährten Ausstoß kein Absatzproblem hat. Man würde einer Hydra den Kopf abschlagen, nur um feststellen, dass dieser neu wächst.

2 Kommentare

  1. Das was mich an Pathfinder stört, ist auch der Umfang. Es gibt zig Quellenbücher, Erweiterungen, Abenteuerpfade und alle beinhalten Regelerweiterungen, Talente, Zauber, magische Gegenstände usw. Mir fehlt einfach eine Zusammenfassung in der ich alles schnell nachschlagen kann. Für Zauber gibt es bereits eine App, die dabei hilft und einige Bücher wie Abenteurers Rüstkammer versuchen bereits Daten zusammen zu sammeln. Klar kann man sich das raussuchen was man möchte, aber eine Übersicht wäre super.

    Zum Thema Reboot würde ich sagen, das Pathfinder das nicht braucht. Das System an sich ist rund und Erweiterungen sind nicht zwingend nötig. Außerdem hat Paizo noch vieles in der Pipeline und die deutsche Übersetzung hinkt ja um einiges hinterher. Mit einem Neustart überwirft man sich unter Umständen auch.

    1. Danke für den Kommentar!

      Der Umfang und die damit verbundene Unübersichtlichkeit scheint eines der größten Probleme zu sein, bei vielen. Aber es gibt ja tatsächlich schon Lösungsansätze aus der Community, z.B. der Zauberbuchgenerator auf 5footstep oder eben Apps. Ein Reboot halte ich auch für wenig sinnig.

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