Vineta – Versunkene Stadt an der Ostsee

Vineta, Vineta, du rieke Stadt, Vineta sall unnergahn, wieldeß se het väl Böses dahn

Die Legende von der versunkenen Stadt Vineta regt selbst heute noch die Phantasie vieler Menschen an. Die Stadt soll die größte ihrer Zeit gewesen sein, ein Handelszentrum an der Ostsee sowie unermesslich reich – und dekadent. Ich gehe im ersten Teil auf die gesicherten Fakten ein, dann auf die Sage und versuche dann eine Möglichkeit zu bieten, diese versunkene Stadt in den Mythos für das Rollenspiel einzubauen.

Fakten

Vineta war angeblich eine Stadt an der Ostsee des 11. Jahrhunderts, welche vermutlich durch eine Sturmflut vollends zerstört wurde. Geografisch soll sie an der Odermündung gelegen haben. Die Vermutungen des Standortes reichen von Wollin, Damerow und Ruden bis zum mecklenburgischen Barth, welches sich heute Vinetastadt nennt. Erste Belege tauchen bei Ibrāhīm ibn Yaʿqūb um 965 auf. Ungefähr hundert Jahre später schreibt Adam von Bremen (ca. 1075/1080) in seiner Geschichte über das Erzbistum Hamburg über Vineta (vimne bzw. uimne, daraus wird in späteren Abschriften iumne bzw. jumne; damit könnte Jomsburg gemeint sein.). Weitere hundert Jahre später schreibt Helmold von Bosau 1163/1168 in seiner Slawenchronik die entsprechenden Passagen von Adam von Bremen nahezu unverändert ab. Ab 1170 wird von Vineta in der Vergangenheitsform berichtet.

Ibrāhīm ibn Yaʿqūb und Adam von Bremen schildern die Stadt als eine der größten und reichsten Städte Europas der damaligen Zeit. Da Adam von Bremen als Kleriker und Theologe vermutlich Kenntnis über die religiösen Metropolen wie Byzanz, Rom und Köln hat, und Ibrāhīm ibn Yaʿqūb als Gelehrter am Hofe des Kalifen von Córdoba wahrscheinlich ebenfalls über ein nicht unerhebliches Wissen über die bekannte Welt verfügt, sind die Aussagen über Vineta recht beeindruckend. Die Stadt soll über 12 Tore und ein jeder anderen Armee überlegenes Heer besessen haben. Dazu kommt, dass sie Handels- und Treffpunkt vieler Völker, darunter auch Griechen, gewesen sein soll. Vermutlich spielt der Handel und das Handwerk mit Bernstein auch eine Rolle.

Die Jomsburg wurde wohl um 940 bis 970 beim heutigen Wollin oder auf der Insel Usedom gegründet und ausgebaut. Zuerst als Wehranlage, später als Handelsplatz glich sie dem Aufbau Haithabus. Rudolf Virchow liefert in einem 1872 bei der Zeitschrift für Ethnologie erscheinenden Artikel die Grundlage für die Auffassung, dass Jomsburg das versunkene Vineta ist.

Die Personen

Ibrāhīm ibn Yaʿqūb
Über sein Leben ist wenig bekannt, doch als Gesandter des Kalifen von Córdoba  (heutiges Spanien) und Reisender durch Mittel- und Osteuropa ist bekannt, dass er sich sehr für die wirtschaftlichen, ethnologischen und klimatischen Bedingungen aber auch für Krankheiten der Regionen interessiert. Daraus kann man schließen, dass er Kaufmann oder eine Art mittelalterlicher Arzt gewesen ist. Letztendlich würde das dem Anspruch der damaligen muslimischen Tradition eines Universalgelehrten entsprechen. Unter anderem wird zu seiner Zeit in Córdoba eine der größten Bibliotheken zur damaligen Zeit gegründet: Sie sollte an die 5.000 Bände umfassen. Die Reiseberichte des Ibrāhīm ibn Yaʿqūb sind in ihrer Gesamtheit nicht erhalten, lediglich bruchstückhafte Auszüge von anderen Autoren sind noch vorhanden. Hier nimmt das Buch von Muḥammad al-Bakrī  über die Königreiche und Wege (1068) einen besonderen Stellenwert ein, da dort die meisten Textpassagen Ibrāhīms zu finden sind.

Adam von Bremen
Lebte wohl von vor 1050 bis ca. 1085. Er gehört zu den bedeutendsten mittelalterlichen Chronisten. Sein Werk richtet das Hauptaugenmerk auf Nordeuropa und Skandinavien. Auch ist Vineland (Nordamerika) zum ersten mal bei ihm schriftlich erwähnt. In seiner Schrift Geschichte des Erzbistums Hamburg verwendet er ältere Chroniken und Verträge sowie sein nützliches Wissen vom Hofe des dänischen Königs. (Zu der Zeit, um das Jahr 1070, verwendet man in Europa zumeist die karolingische Minuskel.)

Rudolf Virchow
(13.10.1821 bis 05.09.1902) Virchow wurde in Pommern geboren und gehört zu den bedeutendsten Ärzten Deutschlands zu seiner Zeit und auch danach. Allerdings beschäftigt ihn neben der Medizin auch Politik und  Archäologie. Zu seinen Bekanntenkreis zählen unter anderem Heinrich Schliemann und Franz Boas. Er war Mitbegründer der Berliner Anthropologische Gesellschaft  (1869) die sich später in Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte umbenannte. In einen Artikel für die Zeitschrift für Ethnologie mit der Überschrift Rathschläge [sic]  für anthropologische Untersuchungen auf Expeditionen der Marine geht Virchow auch auf Vineta ein.

Sage

Vineta soll untergegangen sein, weil die Bürger der Stadt verschwenderisch und ohne Demut ihren Reichtum auslebten. Die Dächer der Häuser sollen aus Gold, die Straßen aus Marmor und die Fenster aus bunten Glas gewesen sein. Auch beschlug man die Hufe der Pferde mit Silber und ließ die Schweine aus goldenen Trögen fressen. Dies scheint eine sehr romantische, viel spätere Hinzudichtung zur Sage zu sein. Drei Monate, drei Wochen und drei Tage vor dem Untergang erschien eine Spiegelung von Vineta über der Stadt. Auf die Warnungen, dass dies ein kommendes Unheil bedeute, hörten die Einwohner allerdings nicht. Einige Tage vor der Sturmflut soll zudem eine Wasserfrau die Zerstörung mit den Worten:

Vineta, Vineta, du rieke Stadt, Vineta sall unnergahn, wieldeß se het väl Böses dahn

angekündigt haben. Diese soll sie dreimal wiederholt haben.

Nach einer Legende soll Vineta alle 100 Jahre an die Oberfläche der Ostsee empor steigen, wartend auf jemanden der mit einer Münze Waren der Händler der Stadt kauft und somit den Fluch bricht, der Vineta am Grund des Meeres fesselt. Dies muss am Ostermorgen erfolgen und derjenige, der die Stadt retten kann, muss an einem Sonntag geboren sein.

Ansatzpunkte für den Mythos

Bei Küstenstädten kommen einem bestimmt schnell die Wesen aus der Tiefe in den Sinn. Möglich, dass sie sich mit den Einwohnern Venetas vermischten. 1170 führte das dänische Königshaus einen Feldzug gegen Jomsburg. Angeblich von König Waldemar I., im gleichen Jahr wurde sein Sohn Knud IV. zum König ausgerufen. Waldemar I. hatte beim Papst auch erreicht, dass sein Vater Knud Lavard heiliggesprochen wurde und festigte damit die Erbmonarchie in Dänemark.
Eventuell ein Tauschhandel, bei dem Waldemar I. das gotteslästerliche Gezücht Vinetas vernichtete und im Gegenzug der Papst die Monarchie legitimierte?

Die besagte Spiegelung kann aber auch ein Phänomen gewesen sein, dass man anders nicht beschreiben konnte. Vielleicht war es eine Farbe, die die Energie dieser großen Stadt aufsog. Unter der Stadt weilte sie dann und höhlte das Erdreich soweit aus, dass die ganze Stadt zusammenbrach und ins Meer glitt. Die erste Sichtung dieses Phänomens erfolgte drei bis vier Monate vor dem Untergang, ein Zeitraum, den eine Larve benötigt, um eine junge Farbe zu werden.

Die Wasserfrau ist nicht unbedingt eine nette Meerjungfrau. Gehen wir von einer slawisch geprägten Bevölkerung aus, finden wir in deren Sagen die Russalken. Todbringende Wassergeister. Nehmen sie einen Menschen gefangen, stellen sie ihm drei Fragen, werden sie richtig beantwortet, lassen sie ihn frei, wenn nicht, dann ist er des Todes. Waren es tatsächlich Warnungen oder Fragen, die die Wasserfrau aussprach?

Das Setting

Es bietet sich an hieraus ein mittelalterliches Abenteuer zu entwickeln. Allerdings ist nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 durchaus auch eine historische Expedition denkbar. Schliemann hat 1872 Troja gefunden, angespornt durch das Grabungsfieber in Griechenland und Ägypten ist es vorstellbar, dass man sich im eigenem Land auch versunkenen Städten widmet. Auch eine Schiffsreise oder ein Aufenthalt in der Nähe wären zu jeder Zeit denkbar.

Links

Sage von Vineta auf der Seite der Stadt Barth
Artikel von Virchow in der Zeitschrift für Ethnologie
Kirchenchronik von Adam von Bremen

 

6 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Scroll Up
%d Bloggern gefällt das: