Was mich an Pathfinder stört und was ich daran mag

Hätte ich, als ich mit Bleistift und Papier auszog um Monster zu schnetzeln und Gegenstände und Gold in meinen Besitz zu bringen, ein anderes System als D&D 3.5 gespielt, würde ich vielleicht eher über dieses System bloggen. Es ist auch nicht so, dass ich D&D/Pathfinder immer treu war, ich habe auch andere Erfahrungen am Tisch gesammelt, letztendlich kam ich aber immer wieder zurück. Warum? Nicht weil es das beste System ist oder das einfachste, nicht weil andere Systeme so schlecht oder umständlich sind. Eher weil es vertraut ist. Es gab Krisen und Punkte, an denen man sagte: Jetzt hab ich endgültig keinen Bock mehr, hol DSA 1 raus! Es ist aber objektiv betrachtet nie der Fehler des Systems gewesen, es lag an einem selber, an der Gruppe oder dem Spielleiter und hätte in dieser Mischung auch bei anderen Systemen vorkommen können. Es gibt unsinnige Regeln, unverhältnismäßige Vor- und Nachteile von Klassen und Rassen aber so etwas findet man überall. Es schreibt allerdings auch niemand vor wie man diese Regeln in der privaten Runde handhabt und es ist ja nicht so, dass man alles anpassen müsste.

Was mich aber irgendwie stört, ist die große Zahl an Publikationen. Ein schlechtes Beispiel sind die Klassen. Es gibt Grundklassen, Basisklassen und Archetypen und alle sind mehr oder weniger auf diverse Bücher aufgeteilt. Möchte man also einen Barbaren spielen und alle möglichen Optionen zum Erstellen seiner ausgewählten Klasse in Betracht ziehen, findet man einiges im Grundregelwerk, die Expertenregeln bauen darauf auf. In Ausbauregeln II: Kampf gibt es dann mehr Möglichkeiten und in den noch auf deutsch erscheinenden Ausbauregeln VI: Klassen kommen neue Kräfte hinzu. Es ist mitnichten so, dass ich etwas gegen die Vielfalt habe, das Blättern und Suchen nervt aber. ABER… ich weiß, war auch in D&D mitunter so, allerdings weiß Paizo es durchaus besser. Mit Ausbauregeln III: Völker hat man meiner Meinung nach ein sehr gutes und nützliches Buch herausgegeben. Alle bisher erschienenen Völker mit ihren Eigenschaften und Merkmalen sind aufgeführt plus neue Völker und Baukasten für eigene Rassen. Anderes Thema sind die Zaubersprüche, die in mehreren Büchern verteilt sind. Magier sind zwar immer schon Büchernarren gewesen, fänden eine zentrale Spruchliste aber sicher nett. Zwar gibt es die deutsche PRD, die ich sehr schätze und das Finden von bestimmten Dingen wesentlich vereinfacht, doch ist diese auch nur nach den Quellenbänden geordnet. Eine gute Hilfe ist dann der Zauberbuchgenaerator von 5footstep. Dort kann man nach Klasse, Domäne, Grad etc. auswählen und erhält eine Liste aller verfügbaren Zauber mit dem entsprechenden Quellenband und der Seitenzahl. Persönlich finde ich, kann man den Autoren dahinter gar nicht genug danken.

Talente sind das Salz in der Suppe bei Pathfinder. Durch die Talente kann man sich seinen Charakter genau so zusammenstellen, wie man ihn haben möchte. Doch müssen es gefühlte 5.000 sein? Zumal sie einigen Klassen mehr bringen und anderen weniger. Für das Talent Brötchen schmieren brauche ich Weisheit 13 und das Talent Kampf mit Backwaren*… Und es gibt immer mehr davon, die wie oben beschrieben auf zig Bücher verteilt sind. Hier leidet tatsächlich die Qualität unter der Quantität. Zum einen wird es für Neueinsteiger und Gelegenheitsspieler schnell unübersichtlich, aber auch für mehr oder weniger erfahrene Spieler kann sich schnell ein Gefühl einstellen, dass man das falsche Talent genommen hat, weil man etwas neues ausprobieren wollte und merkt, dass es sich spielerisch kaum auswirkt. Es gibt daher fast immer die gleichen Talente, die man bei einer bestimmten Klasse und deren Stil wählt. Es stellt sich daher selten ein Aha-Erlebnis auf Grund der Vielfalt und der neuen Möglichkeiten ein. Experimentierfreude kann auch schnell nach hinten losgehen, denn im Vergleich zur Gesamtheit aller Talente sind die, die man bis Stufe 20 tatsächlich für seinen Charakter wählen kann, äußerst begrenzt. Schnell hat man sich verskillt und ärgert sich, dass man seinen Charakter nicht gleich von 1 bis 20 am Reißbrett entworfen hat. D&D 5 macht es nach meinem ersten Eindruck besser und hat die Talente ziemlich eingedampft.

Es gibt sicher noch ein paar Punkte, bei denen man aber ganz klar sagen muss, dass sie in die Verantwortung des Spielleiters fallen. Pathfinder hat zu jeder Situation Regeln beigesteuert. Diese sind aber nicht verbindlich, sondern optional. In Gruppen in denen es gewünscht wird, kann man einfach alles auswürfeln oder eben nur bestimmte Bereiche. Insbesondere Kampagnen haben mitunter eigene Regeln, dies erhöht für manche den Spielwert, den Spaßfaktor oder ähnliches. Unter anderem auch die kampagnenbezogenen Wesenszüge. Der Spielleiter ist bei Pathfinder Hüter der Regeln im doppelten Sinne, nicht nur, dass er die Regeln kennen sollte, sondern auch, weil er entscheiden muss, welche Regeln Anwendung finden sollen (Heldenpunkte, Wesenszüge, Bau einer Stadt). Pathfinder hat eine wunderbare Starterbox herausgebracht, die aber nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass es kein anfängerfreundliches Spiel für die ist, die mit Pen&Paper beginnen. Es dauert eine gewisse Zeit, bis man in dieses System hinein wächst.

Trotz dieser Punkte mag ich aber dieses System, vielleicht weil ich damit angefangen habe, vielleicht weil ich so viele gute Abende hatte (die die schlechten bei weitem überwogen), vielleicht weil es einfach nur das System ist, welches zu mir passt.

* überspitztes Beispiel, gemeint sind Talente wie Albtraumschläger Ausbauregeln II: Kampf

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7 Kommentare

  1. Ich kenne das Gefühl wenn man vor lauter Optionen nicht mehr sicher ist was der Charakter können soll, allerdings gibt es dafür ja eine einfache Lösung:
    Nutzt nicht alle Bücher!

    Ich habe den Spielern meiner Runde (allesamt Neulinge im Bereich Pathfinder, etwa 50% auch im Bereich des Rollenspiels) nur die Grundregeln und die Expertenregeln zur Charaktergenerierung zur Verfügung gestellt; und die sind damit glücklich!

    Wenn jetzt ein Langjähriger Spieler aus der vollen Bandbreite schöpfen möchte, kann ich das auch gut nachvollziehen, aber für den Anfang ist das nicht nötig. Genauso steht diese Option natürlich auch den ambitionierten Neuspielern zur Verfügung, wenn sie sich selber entsprechend einlesen.

    Pathfinder ist meiner Meinung nach ein gutes Spiel für Neulinge:
    1. Die von dir schon erwähnte Einsteigerbox (mit vereinfachten Regeln)
    2. Die kostenlose Verfügbarkeit von Regeln über das PRD
    3. Der Zugriff auf die PRD steht jedem zur Verfügung, wenn er sich tiefer einlesen möchte weil er MEHR will (Sowohl Spielleiter, der neue Monster/Fallen sucht; als auch der Spieler der ein ganz bestimmtes Talent benötigt)

    1. Das ist ein guter Tipp, die Auswahl der Bücher einzuschränken. Haben wir auch gemacht, als z.B. einige auf die Idee kamen, Regeln von Drittanbietern auf der amerikanischen PRD zu nutzen… Wahrscheinlich ist es wohl auch ein „Luxusproblem“, denn eigentlich kann man auch ganz gut ohne die Ausbauregeln etc. spielen, aber dieses Funkeln in den Augen, wenn man bestimmte neue Sachen für seinen Charakter bekommen könnte… 😉 Es ist auch kein Problem alle Bücher bis Ausbauregeln 5 regeltechnisch zu nutzen, die Regeln sind ja nicht so schwer, bzw. optional, aber dass sie so zerstreut sind ist schon nervig.

      Was die Einsteigerfreundlichkeit betrifft, gebe ich dir bei den von dir genannten Punkten recht, zudem gibt es noch ein Forum von Ulisses, das bei Fragen immer hilft. Dieser Satz bezog sich auf die Regeln. Ich kann aus der Beobachtung neuer Spieler sagen, dass es eine längere Zeit braucht, bis alle Mechaniken sitzen als zum Beispiel bei Call of Cthulhu. Das bedeutet nicht, dass man gar nicht erst mit Pathfinder anfangen sollte, sondern, dass es etwas mehr arbeit erfordert, es zu spielen als bei anderen Systemen.

  2. Ich finde deinen Artikel toll und lese auch darin viele Punkte, in denen ich meine Meinung wiedererkenne. Allerdings finde ich den Vergleich mit D&D 5 nicht optimal. Grund: Zeitraum

    Pathfinder kam (in seiner Kaufversion) ab (Mitte?) 2009 auf den Markt, das sind immerhin schon knapp 6 Jahre. Wie sieht D&D 5 nach dieser Zeit aus?
    Ich finde daher hinkt der Vergleich, einfach da diese Optionsvielfalt erst nach gewissen Jahren überhaupt (in der Masse) verfügbar war/ist.

    Ich empfinde (als Spielleiter sowie als Spieler) die „Verteilung“ der Optionen besser geregelt. Da hab ich meine Regelbücher (Grundregelwerk + diverse Ausbauregeln) und gut ist. Erinnert sich noch einer daran wie teilweise völlig absurd Talente, (vor allem) Prestigeklassen, etc. bei 3.5 in Regelbüchern, Abenteuer, Geo-Bänden… verteilt waren? Da haben sie den Schnitt bei Pathfinder besser vollzogen. Naja, bis auf das Thema „Wesenszüge“ – spielt man damit darf man sich auch wild „durchblättern“…

    1. Ja, ok, der Vergleich hinkt, da gebe ich dir recht. Am Anfang ist jedes System recht übersichtlich, D&D 5 wird im Laufe der Zeit sicher auch wachsen, zumindest wie ich Wizards kenne und das ist ja auch gut. Übrigens habe ich in dem Artikel ein Vorteil vergessen, der ganz klar für Pathfinder spricht: Die OGL. Das werde ich nachholen.

      Gerüchten zur folge soll mit Pathfinder Unchained auch eine Vereinfachung stattfinden, zumindest ist es nach dem Strategie Handbuch wohl sehr für Neueinsteiger geeignet. Ich bin gespannt.

      Danke für den Kommentar!

      1. „Wie ich die Wizards kenne“ hat sich bei D&D5 bisher gar nicht bewahrheitet. Es gibt überhaupt erst nur ein Buch mit Charakteroptionen – den „Sword Coast Adventurer’s Guide“ – und das ist nur die Anpassung an die Forgotten Realms.

        Eine Regel- und Optionsflut a la 3e oder 4e steht nicht zu erwarten, weil sich der Fokus verschoben hat. Schon ein PHB II wie früher scheint für D&D5 kaum denkbar. Zumal das System im Vergleich zu 3e, 4e oder PF eher Mut zur Lücke hat (siehe „Hide Action“) und den SL wieder in den Vordergrund kehrt.

        Der Vergleich hinkte also nicht, weil die bisherige Veröffentlichungspolitik bei den Wizards bereits jetzt völlig von der vorheriger Editionen abweicht. Kampagnen ja, Erweiterungsbücher eher nein.

        1. Die Zeit hat mich Lügen gestraft, allerdings habe ich den Artikel und den Kommentar dazu wenige Monate nach Release der 5. Edition geschrieben, ich bin damals davon ausgegangen, dass WotC mehr Publikationen ausstößt, so wie bei Ed. 3 und bedingt auch bei Ed. 4.

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