Wertanlage Cthulhu

Gestern habe ich einen Trip nach Wien geplant. Im Sommer soll es losgehen auf den Spuren des Dritten Mannes, Kaffee trinken, Prater, Mozart… das, was dem Touri eben so einfällt. Und es kam mir in den Sinn, als typisch deutsches, stets gut über seinem Urlaubsort informiertes Sight Seeing Victim, mir einen Reiseführer zu besorgen. Kurz nachgedacht und sich erinnert, dass es da etwas aus dem Hause Pegasus gab: Wien – Dekadenz und Verfall. Leider ist dieser Quellenband nicht mehr so einfach erhältlich und ich habe ihn mir damals nicht gekauft. Es gibt Gott sei Dank ja immer noch Buchhändler und Auktionshäuser im Netz, dachte ich. Ich schätze mal, dass das Buch um die 40 € gekostet hat, als es erschienen ist. Eine Preissteigerung von 100% ist ok, für seltene Bücher habe ich schon mehr hingeblättert. Problematisch wirds nur, wenn es sich um eine Auktion handelt, bei der schnell mal 100 € bis 150 € rumkommen, dann bin ich raus. Der Traumlande Band steht sogar für ca. 1.000 € bei Amazon drin…

Dies ist kein gejammer über subjektiv empfundene Auswüchse einer kapitalistischen Gesellschaft. Es ist in Ordnung, wenn jemand etwas hat, was ein anderer haben möchte und dafür einen Preis verlangt, es handelt sich hierbei zumal um nichts existentielles. Außerdem sind beide Bücher als .pdf erhältlich und den Nutzen solcher Dateien habe ich  an anderer Stelle bereits hervorgehoben.

Es geht hier um ein Problem, welches ich bei mir festgestellt habe und vermutlich einige andere auch betrifft. Was CoC angeht bin ich nämlich auch zu einem Sammler geworden. Ich habe mal an anderer Stelle gelesen, dass die Bücher zu den Besten auf dem Markt gehören, was Gestaltung und Inhalt betrifft, aber auch zu den am wenigsten genutzten. Bei den Pathfinder Runden hat jeder Spieler sein Handbuch vor sich und schlägt bestimmt an die 6-7 mal am Abend darin etwas nach, die Quellenbände liegen auch immer griffbereit. Bei Cthulhu ist das anders. Sie dienen, abgesehen vom SH, allenfalls als ein gezieltes Nachschlagewerk bei der Abenteuergestaltung. Die Bücher sind schick und machen sich gut im Regal, weswegen man sie gerne hat… Rollenspieler haben meiner Ansicht nach generell einen Hang zum Sammeln, also werden die Bücher gekauft, durchgeblättert und weggestellt. Das betrifft sicher nicht alle und gerade Bände wie Berge des Wahnsinns oder Die Bestie werden natürlich anders behandelt, wenn man die Kampagne spielt.

Diese Sammelleidenschaft ist für die Verlage von Rollenspielen eigentlich ein Segen. Zu Zeiten von D&D hatten wir nur einen Spielleiter und eine gemeinsame Bibliothek. Wir waren jung und hatten keine Kohle, heute sind wir um die 33. haben Jobs und kaum andere Hobbies. In unserer Gruppe gibt es drei Leute die abwechselnd leiten und drei Sätze aller wichtigen Bände der Pathfinder Bücher. Und dass, obwohl es alle Regeln online gibt und obwohl wir eine .pdf kaufen und an alle verteilen könnten. Wir fühlen uns wohl mit unseren Büchern, wir kaufen sie gerne um auch unser Hobbie zu unterstützen, wir sind Nerds mit Kohle.

Als Pathfinder in Deutschland erschien, war es nicht sicher, wie erfolgreich es sein würde. Die Neuerungen der 4. Edition D&D half erheblich aber auch die gute Verfügbarkeit der Bände, machte Pathfinder so erfolgreich. Und dann der Clou der Abenteuerpfade von Paizo/Ulisses. Diese schwemmen Monat für Monat etwas Geld in die Kassen. Diese Abenteuer sind reine Gebrauchstexte, die gut angenommen werden und einzeln nicht so ins Geld gehen, gesamt kostet ein Pfad aber auch um die 120 €. Eine direkte Parallele besteht nicht zu Pegasus/CoC; während man fast alle Bücher aus dem Pathfinder Universum irgendwie gebrauchen kann, sind die Cthulhu Bücher mitunter sehr speziell. Ich habe damals den Wien Band nicht gekauft, weil ich dort kein Abenteuer spielen wollte. So geht es einigen vielleicht mit Mexiko, China oder Indien, die alle als .pdf erhältlich sind. Heute sehe ich es anders, als Sammler würde ich sofort zuschlagen. Daher sehe ich eine Limitierung oder dem nicht Neuauflegen etwas kritisch, als Sammler, Fan und auch Spieler. Das Konzept Quellenbände rauszubringen, ohne Mehrwert zu schaffen ist eine Sache, an sein Produkt nicht zu glauben, ist eine andere.

Denn die Bücher sind großartig, egal ob man Call of Cthulhu, Trail of Cthulhu, Realms of Cthulhu oder ein anderes System spielt. Auch Lovecraftfans ohne Rollenspielerfahrung könnten Interesse daran haben, werden doch gerade viele Fakten geliefert, die ziemlich gut recherchiert sind. Nebenbei sollte man Hefte mit Abenteuern herausbringen, die auf den jeweiligen Quellenband basieren. Ich hätte meine Freude daran, zumal es bei Pathfinder so ähnlich abläuft. Die Nachfrage ist da, wie auch Fanzines wie der Ruf bezeugen. Der Aussage, dass Cthulhu ein Nischenprodukt sei und es nicht lohnen würde, halte ich entgegen, dass jedes Rollenspiel ein Nischenprodukt ist und es auf die Vermarktung ankommt.

Wie dem auch sei, ich werde wohl auf die Printausgabe von Wien – Dekadenz und Verfall verzichten und mir die .pdf Ausgabe holen.

So long and cheers
Sorben

Ein interessanter Beitrag aus Sicht eines Verlegers ist hier zu finden: Hinter den Kulissen – Umsätze im Rollenspiel

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